Nürnberger Nachrichten vom 27. Juli 2020

Im Toppler Theater, wo sie früher schon einmal zu Gast war, absolvierte nun Stefanie Dietrich, hoch - und vielbegabtes Energiebündel aus Berlin, mit ihrem Solo-Operettenprogramm "Mizzi Meier - aus dem tragischen Leben einer Lustspielsoubrette" ihren ersten Auftritt in Corona-Zeiten.

Mizzis Leben beginnt so: 1902 in Berlin-Charlottenburg geboren hat die Tochter eines Hutfabrikanten und einer Köchin schon bald zwei Leidenschaften, nämlich die Musik und ihr liebes Tagebuch (das ihr Ergehen für die Nachwelt erhält). Mit 17 Jahren, inzwischen Vollwaise und mittellos, versucht sie ihr Glück und wird zunächst Tänzerin - Revuegirl in der Haller-Revue - wenn auch nicht allzu lange.

Eine Kette unglücklicher Umstände gepaart mit Naivität und Ahnungslosigkeit über "Koks" kostet sie anschliessend auch ihr Engagement in der "Weissen Maus". Aus Marie Helene Meier wird in der Folge die "Lustspiel- und Schwanksoubrette Mizzi Meiller". Ihr Repertoire als solche reicht von der "Kaukasischen Depressionssoubrette" über die "Amerikanische Kampfsoubrette mit Cheerleadervergangenheit" bis hin zur "alternden Soubrette".

Selbstverständlich gibt Stefanie Dietrich eine Kostprobe von all dem, damit die ganze Klasse

der Mizzi Meier erkennbar wird, denn singen konnte die - einfach enorm.

Schliesslich hat Mizzi Ambitionen UFA-Filmstar zu werden. Mizzi bekommt die Rolle! Warum bitteschön ist dann heute Marlene Dietrich und nicht Mizzi Meier als fesche Lola in Erinnerung? Nun ja - Mizzi wird eben just gerade da - schwanger.

Sie kann die Rolle nicht antreten und singt stattdessen traurige Lieder über fehlende Treue.

Als mittellose, ledige Mutter in den 1930er-  und 1940er- Jahren dürfte das Leben auch in Berlin nicht ganz so lustig gewesen sein und so schweigt das liebe Tagebuch.

Erst 1952 taucht Mizzi wieder bei einem Vorsingen auf, bewirbt sich als Wirtin für das "Weisse Rössl". Soll sich etwa tatsächlich ihr Wirken auf der Bühne des Metropoltheaters vollenden?? Nein, leider doch nicht. Später gerät sie, einmal mehr durch aberwitzige Umstände, in die Fänge der Stasi und verschwindet acht Jahre hinter Gittern.

Doch am Ende ist die glücklose Künstlerin - glücklich.

Ein glücklicher Mensch. Mit einem Mann, den sie doch noch findet, einem kleinen Haus mit Garten, ihrer Münzsammlung. Verpassten Chancen und verlorenen Jahren trauert sie nicht hinterher, stattdessen summt sie leise eine intellektuell überschaubare, aber frohe Melodie vor sich hin.

"Ich hab die Mizzi so gemocht, die hatte immer so ein Strahlen!" Ja, was für eine turbulente Vita der "Mizzi Meier" und was für ein Abend. Was für eine geradezu funkensprühende Vorstellung, die Stefanie Dietrich da abgeliefert hat. Überbordendes Temperament, dazu Schauspieltalent, eine fein dosierte Choreografie, diese Bühnenpräsenz. All das basierend auf unerschütterlicher Fröhlichkeit und ihrer grossartigen Stimme. Ihr Pianist, Markus Zugehör, ist natürlich ebenso hoch zu loben. Ein aussergewöhnliches Kunsterlebnis!